08.10.2015

Autoren Tag ** Textschnipsel Bring mich heim**

Bring mich heim:


»Was machst du?«, fragte er neugierig.
Ich sah ihn lächelnd an. »Genießen.« Wir blieben stehen. »Schließ einfach mal deine Augen. Hör zu. Atme ein. Überleg dir, was du alles hören kannst. Was du riechen kannst. Dann sag es mir.« Er nahm noch meine zweite Hand, schloss die Augenlider und holte tief Luft.
Mit seiner tiefen Stimme begann er leise zu erzählen: »Es riecht nach Wärme. Autos, ich höre viele Autos.«
»Hör genauer hin.« Samuel atmete ein weiteres Mal ein. Er war kurze Zeit still.
»Das Meer. Vögel. Lachen.« Er verschränkte seine Finger mit meinen. Ging einen Schritt auf mich zu. »Ich höre einen Rhythmus, kräftig und gleichmäßig.« Ich tat einen Schritt auf ihn zu. Dabei schloss ich die Augen.
Mein Herz pochte. Hauchend sagte ich: »Ich rieche die Sonne, vermischt mit einem Duft nach Wald.« Samuel bewegte sich näher zu mir. Es trennte uns nicht mehr viel. »Ich höre einen Rhythmus, kräftig und gleichmäßig«, flüsterte ich.
»Es duftet nach Vanille«, hörte ich ihn sanft sagen. Mein Puls raste. Dennoch machte ich den letzten Schritt auf ihn zu. Mein Körper war an seinen gepresst. Ich fühlte seinen Herzschlag. Ich spürte meinen immer stärker, denn ich wurde nervös, leicht ängstlich. Seine Wärme durchströmte mich. Es wurde mir beinahe zu viel.
»Atmen, Kleine. Atmen«, hörte ich Samuels Stimme. Ich schnappte kräftig nach Luft. »Und wieder aus.« Und ließ sie wieder aus meinen Lungen herausströmen.
»Ich gehe nicht weiter, wenn du es nicht willst.« Ich konnte seinen heißen Atem in meinem Gesicht fühlen. Ich nickte nur.
»Ich hoffe, du hast jetzt genickt. Meine Augen sind noch geschlossen. Soll ich sie öffnen?«
»Nein. Nein, lass ... Lass sie zu«, sagte ich hastig.
»Okay ...« Er senkte den Kopf. Unsere Nasenspitzen berührten sich. »Atmen.« Ich stieg auf meine Zehenspitzen. Führte seine Hän- de hinter meinen Rücken. Nach einem kräftigen Atemzug bewegte ich meine zittrigen Arme zu seinem Nacken. Ein wenig streckte ich meinen Hals und lehnte mich vor. Unsere Lippen streiften einander federleicht. »Mehr nicht«, flüsterte ich. Keiner rührte sich. Wir genossen schlicht diesen Moment. Diesen Augenblick, an dem ich bereit war, Samuel so nahe an mich heranzulassen. Es war ein wunderbares Gefühl. Tränen begannen meine Wangen hinabzulaufen. Sie tropften auf Samuels und meinen Mund.
»Nicht weinen, Mia.« Ich musste kräftig schlucken.
»Öffne deine Augen.« Seine Stimme klang sanft, aber bestimmt. Mein Herz schlug noch heftiger. Langsam tat ich, was er verlangte. Ich blickte in diese wundervollen Augen. Immer mehr Tränen liefen mein Gesicht hinab. Mit seinem Daumen wischte er sie weg.
»Hab ich was Falsches getan?« Ich verneinte.
»Nein. Absolut nicht. Es ... es fühlt sich überwältigend an«, schluchzte ich.
»Wieso dann der Wasserfall?« Er lächelte mich an.
»Ich mag es.« Ich pausierte für einen Moment. »Ich mag dieses Gefühl.« Und erwiderte sein Lächeln.
Samuel nahm mein Gesicht in seine Hände, flüsterte: »Ich mag diese Gefühle auch«, und küsste dabei meine Stirn.

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